NGZ-Interview 24.09.2020: Auge in Auge mit dem Gegenkandidaten



Interview - Kaarst Kurz vor der Stichwahl haben Ursula Baum und Lars Christoph in der NGZ-Redaktion über ihre Motivation, Inhalte und die Vorwürfe im Netz gesprochen.


Warum sollten die Wähler Ihnen das Vertrauen aussprechen?

Ursula Baum Ich bin in dieser Stadt tief verankert, wohne seit 26 Jahren hier. Gleichzeitig bin ich politisch seit 20 Jahren aktiv, seit 16 Jahren Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses. Ich habe einen sehr tiefen Einblick in Verwaltungsangelegenheiten. Ich war in vielen Firmen beschäftigt, zuletzt bei einer Unternehmensberatung. Für mich zählen die Menschen. Ich bin breit aufgestellt, deswegen möchte ich Bürgermeisterin von Kaarst werden.


Lars Christoph Ich bin in Büttgen aufgewachsen, wohne seit 40 Jahren in der Stadt Kaarst und bin seit 20 Jahren ehrenamtlich in der Kommunalpolitik tätig. Ich bin Fachanwalt für Verwaltungsrecht und begleite größere Projektentwicklungen und Infrastrukturvorhaben. Ich bin überzeugt, dass ich auf dieser Basis das notwendige Rüstzeug habe, eine Verwaltung mit 500 Mitarbeitern gut zu führen und zu steuern und gemeinsam mit dem Team des Verwaltungsvorstandes Kaarst eine Richtung für die Zukunft zu geben.


Wie wollen Sie Kaarst bis spätestens 2035 klimaneutral machen?

Christoph Wir haben das Klimaschutzkonzept bereits verabschiedet, es ist in der Umsetzung allerdings noch nicht viel passiert. Wir müssen eine konkrete Maßnahmenplanung machen, die wir zeitlich priorisieren und mit Personal unterlegen müssen. Das Ergebnis der Kommunalwahl war eine Bestätigung dessen, dass die Themen Mobilitätswende und Klimaschutz in der Bevölkerung fest verankert sind und es einen politischen Auftrag an den Stadtrat gibt, diese Themen umzusetzen. Dem möchte ich mit einer breit getragenen schwarz-grünen Koalition gerecht werden.

Baum Mir geht es darum, die Bürger mitzunehmen, ohne die geht es nicht. Wir können so viele Programme auflegen, wie wir wollen, wenn die Bürger nicht mitmachen, werden wir nichts erreichen. Dach- und Fassadenbegrünung sind ein großes Thema. Es geht sehr um Aufklärung. Wir müssen auch die Initiative Kaarster for Future stark einbinden. So, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Ich überlebe das noch, aber meine Kinder nicht mehr.


Am Samstag sind Sie mit dem Traktor durch die Stadt gefahren. Sieht so Klimaschutz aus?

Baum Das war nicht meine Idee, ich habe allerdings mitgemacht. Ich wäre mit dem Fahrrad gefahren, aber jemand anderes hat es vorbereitet.


Für Herrn Christoph ist die Konstellation der Regierungsbildung klar. Wie sieht es bei Ihnen aus, Frau Baum?

Baum Wir werden uns mit allen Parteien an einen Tisch setzen. Die grünen Themen sind keine grünen Themen mehr, sie gehen uns alle etwas an. Ich möchte Bürgermeisterin für alle Kaarster werden und habe gute Kontakte in die CDU, zur SPD und zu den Grünen.

Christoph Die Corona-Pandemie wird uns vor wirtschaftliche Herausforderungen stellen und auch schwierige Entscheidungen erfordern. Da ist es im Interesse der Stadt, dass es eine stabile Mehrheit im Stadtrat gibt, die auch mit der Verwaltungsspitze harmoniert. Ich glaube, es ist wichtig, eine klare Gestaltungsmehrheit zu haben, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, gerade auch bei schwierigen Entscheidungen. Wenn wir uns das Wahlergebnis angucken, gibt es nur ein Zweierbündnis mit einer stabilen Mehrheit, das ist schwarz-grün. In den Gesprächen ist deutlich geworden, dass eine Bereitschaft besteht, die wechselseitigen Sensibilitäten zu akzeptieren, ernst zu nehmen und in einen Ausgleich zu bringen. Das ist eine gute Basis.


Halten Sie es für unabdingbar, dass ein Bürgermeister eine Mehrheit im Rat haben muss?

Christoph Ich glaube, es kommt auf die Situation an. Wir haben in den letzten drei Jahren mit wechselnden Mehrheiten im Stadtrat agiert. Es gab eine Situation, in der wir prall gefüllte Kassen hatten. Dann haben die Fraktionen sich in den Haushaltsberatungen alle etwas gewünscht und waren glücklich, dass alle ihre Anträge durchgebracht haben. Diese Situation werden wir in den nächsten Jahren aber nicht haben. Wir werden Sachen auf den Prüfstand stellen müssen. Wir haben es ja in Zeiten des Fünferbündnisses gesehen, wie schwer es sich getan hat, schwierige Entscheidungen zu treffen. Bei Fragen zur Erweiterung der Stadtmitte, zum Verkehr oder zum Klimaschutz wird es Gegenwind geben, und da muss es Fraktionen geben, die mit einem Mehrheitsbündnis Verantwortung übernehmen. Ansonsten werden Entscheidungen auf die lange Bank geschoben. Das ist für die Stadt nicht gut.

Baum Eine Bürgermeisterin muss für alle Kaarster da sein und über sein Engagement und Mitwirken der Bürger versuchen, die Politik mitzunehmen. Wir haben in der Vergangenheit viele Entscheidungen gemeinsam getroffen. Fakt ist: Lars Christoph ist nicht mehr da, wenn ich Bürgermeisterin bin. Wenn er noch da ist, bin ich auch noch da. Ich werde mich weiter hier engagieren. Ein Konstrukt kann sich verschieben. Es gibt durchaus Anfragen an mich – auch aus der CDU – zum Thema Zusammenarbeit. Ich glaube, nach Sonntagabend könnte sich noch einmal etwas tun.

Christoph Ich werde nicht aus Kaarst weggehen, obwohl mir das immer wieder unterstellt wird. Ich habe 20 Jahre lang mit hohem Aufwand ehrenamtlich Politik gemacht. Dies lässt sich mit meinem bisherigen Job als Anwalt schlicht nicht mehr vereinbaren. Ich werde trotzdem weiter in Kaarst bleiben und mich in der CDU engagieren, allerdings nicht mehr als Ratsmitglied. Es gibt eine klare Verabredung zwischen CDU und Grünen, über eine Koalition zu verhandeln. Das ist unabhängig vom Ausgang der Bürgermeisterwahl. Das gilt jetzt und wird am Montag auch nicht anders sein. Nur mit der Aussage, ich bin Bürgermeister für alle, bekomme ich im Stadtrat keine Mehrheit. Das ist Fakt.


Wie will die FDP nach der Stichwahl agieren?

Baum Die FDP ist auch ein Sieger der Wahl. Sie geht mit einem fast komplett neuen, jungen Team an den Start. Wir haben konkrete Vorstellungen und werden extrem digital unterwegs sein und schauen, mit wem wir uns im Konsens befinden. Wir schließen nur die AfD aus, aber in vielen Bereichen werden wir übereinstimmen. Das werden wir nutzen.


Denken Sie insgeheim an eine Jamaika-Koalition?

Baum Die Verhandlungen zwischen den Grünen und er CDU haben aus meiner Sicht vor langer Zeit angefangen. Ich war am Freitag bei einer Alibi-Veranstaltung. Schwarz-Grün hat eine stabile Mehrheit, das ist aber eine reine Rechenaufgabe. Es war ein netter Abend, aber den hätte ich mir auch schenken können. Für uns als FDP wird es spannend zu sehen, wie lange Grün und Schwarz zusammenbleiben. Den Grünen ist eine Seebrücke beispielsweise sehr wichtig. Wie geht das dann in so einer Koalition? Und da gibt es noch mehr solcher Themen. Das Fünferbündnis hat eine gewisse Zeit gehalten und super funktioniert. Wir hätten heute immer noch eine Mehrheit, wenn das Zentrum nicht auseinandergegangen wäre. Jetzt haben wir eine zweite historische Chance für Kaarst.

Christoph Das Fünferbündnis ist das klassische Beispiel dafür, warum wir eine stabile Mehrheit im Rat brauchen. Es gab nur den kleinsten gemeinsamen Nenner. In der Zukunftsgestaltung der Stadt ist abgesehen vom Seniorenbeirat nichts passiert. Es gab erstmals in den letzten 30 Jahren keinen Haushalt, weil es keine Mehrheit gab. Es gab eine Blockade, in dieser Zeit ist kein einziges Projekt auf den Weg gebracht worden. Wenn das das Ziel ist, was Uschi Baum anstrebt im Rat, ist das für die Zukunft der Stadt eine Katastrophe. Ich habe die Veranstaltung bei den Grünen ausdrücklich nicht als Alibi-Veranstaltung wahrgenommen. Mir wurden viele kritische Fragen gestellt. Am Ende haben die Mitglieder in geheimer Abstimmung einen einstimmigen Beschluss gefasst. Den Mitgliedern der Grünen daher zu unterstellen, vorbestimmt gewesen zu sein in ihrer Entscheidung, funktioniert bei der CDU nicht, bei der FDP wahrscheinlich auch nicht und bei den Grünen erst recht nicht.


Es gibt die Kritik, dass Sie noch am gleichen Abend die Vereinbarung öffentlich gemacht haben. Wie lange bestand diese schon?

Christoph Die ist an dem Mittwoch vorher vorbereitet worden. Sie hat bei der Vorstandssitzung der CDU und bei der Mitgliederversammlung der Grünen vorgelegen und war die Grundlage für diese Mitgliederversammlung. Ich kann die Kritik politisch nachvollziehen von denen, die mit dem Ergebnis nicht einverstanden sind. Im Internet kommt diese Kritik ja sehr stark von den Unterstützern von Uschi Baum und der SPD. Ich kann es in der Sache aber nicht verstehen. Die Grünen und die CDU haben am Montag nach der Wahl gesagt, über eine Zusammenarbeit zu sondieren. Wir haben den Ansatz gewählt, Lösungen für sensible Themen zu finden. Wir haben eine vertrauensvolle Basis gefunden. Das spiegelt auch das Papier wider.



Finden Sie, dass der Wahlkampf fair verläuft?

Baum Es gibt Ausrutscher in beiden Teams, aber nicht unter den Kandidaten, sondern von Anhängern. Wenn ich am Wahlkampfstand gefragt werde, sage ich nichts zu den anderen Kandidaten.

Christoph In den letzten zehn Tagen empfinde ich ihn überhaupt nicht mehr als fair. Was im Internet rumgeht, empfinde ich persönlich teilweise schon als diskreditierend.


Ihnen wird vorgeworfen, das Bürgermeisteramt als Sprungbrett zu nutzen...

Christoph Das kann ich ausschließen. Wir haben Ansgar Heveling und Hermann Gröhe gerade für den nächsten Bundestag nominiert. Ich habe 2009 einmal intern für den Bundestag kandidiert, aber meine Perspektive liegt in Kaarst. Und zwar nicht für fünf Jahre, sondern wenn die Wähler es möchten, für zehn oder 15 Jahre. Ich verschreibe mich Kaarst. Ich habe 20 Jahre lang ehrenamtlich Lokalpolitik gemacht. Mir kann keiner kommen und sagen, Kaarst wäre mir egal.


Kommen wir zu Inhalten: Wie wollen Sie bezahlbaren Wohnraum schaffen?

Baum Wir sollten darüber nachdenken, Erbbaupacht einzuführen. Es ist wichtig, einen Fokus auf die Grundstücke zu legen, die wir als Stadt noch haben. Die GWG ist ein guter Partner, vielleicht können wir die Zusammenarbeit ausbauen. Vielleicht brauchen wir aber auch eine eigene Wohnungsbaugesellschaft.

Christoph Wir wollen einen Mix aus verschiedenen Wohnformen ermöglichen. Wir werden an den sehr hohen Preisen leider relativ wenig machen können, wenn wir nicht in die freie Landschaft gehen und die Ortsteile zusammenwachsen lassen. Das wollen wir aber nicht. Wir müssen gucken, was der Werkzeugkasten anbietet, gerade im Bereich der öffentlich geförderten Wohnungen. Erbpacht kann eine Lösung sein, ich glaube aber nicht, dass eine eigene Wohnbaugesellschaft funktionieren wird. Ich bin neben der GWG mit einer anderen kommunalen Wohnungsbaugesellschaft im Gespräch, die großes Interesse hat, in Kaarst tätig zu werden.


Thema Alt-Ikea: Was und vor allem wann wird da etwas passieren?

Baum Ich möchte eine One-Stop-Agency in Kaarst haben. Das heißt: Wenn ein Unternehmer kommt, hat er einen Ansprechpartner für Bauvorhaben. Er muss eine gewisse Kompetenz haben, sodass er mit dem Unternehmer alles klären kann. Ich kenne Unternehmen, die angefragt haben. Aber man kommt da nicht weiter, das müssen wir ändern. Die Prioritäten sind nicht so, wie sie sein sollten.

Christoph Wir haben einen städtebaulichen Masterplan entworfen, der festlegt, was gebaut werden kann und wie hoch gebaut werden kann. Es ist auch festgelegt, welche Branchen sich ansiedeln sollen. Es gibt einen ersten Interessenten für das Kopfgrundstück an der Girmes-Kreuz-Straße, das wird sicher eine Signalwirkung für die weiteren Bereiche hervorrufen. Das Thema muss mit hoher Priorität behandelt werden.


Frau Baum, in Ihrem 100-Tage-Programm steht nichts vom Haushalt. Ist Ihnen der Haushalt egal?

Baum Der Haushalt wird nächste Woche eingebracht, das ist ein ganz normaler Vorgang. Das ist nichts Neues und hat keine Priorität. Wir sind gespannt, was der Kämmerer vorlegt im Hinblick auf die Gewerbesteuer. Ich glaube, dass wir erst nächstes Jahr von den Corona-Auswirkungen getroffen werden.

Christoph Wir müssen mit den Fraktionen zu einer schnellen Haushaltsverabschiedung kommen und es so moderieren, dass es keine Blockadesituation im Stadtrat gibt. Auch deshalb sind klare Mehrheiten erforderlich. Natürlich haben wir den Haushalt jedes Jahr, aber wir müssen hier jetzt Akzente für die anstehenden Zukunftsfragen setzen.


Frau Baum, Sie werben stets dafür, dass Ihre Tür für die Bürger immer offenstehen wird. Wie soll das funktionieren?

Baum Ich werde das schaffen. Ich arbeite auch am Wochenende und bin über Facebook erreichbar. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.


In Kaarst spielt der Wahlkampf digital eine größere Rolle als in anderen Städten. Wie sehr verfolgen Sie die Kommentare im Netz?

Baum Irgendwann geht man kaputt. Wir beide sind auch nur Personen, mir war es wichtig, dass wir untereinander keinen Krieg geführt haben. Wir erreichen die jungen Menschen nur noch über die sozialen Medien. Die Frage ist, wie wir die Jugend bekommen. Die sind nicht mehr über regionale Sachen informiert. Deshalb würde ich gerne eine Jugendapp voranbringen.


Haben Sie es zu viel genutzt? Kritiker sagen, Sie würden sich nur in Szene setzen...

Baum Ich glaube nicht. Das Problem ist die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), ich habe früher viel mehr Fotos mit Menschen gepostet. Wer mir nicht folgen will, muss es ja auch nicht tun.

Herr Christoph, machen Sie vielleicht zu wenig im Netz, um junge Wähler anzusprechen?

Christoph Wir haben auch einen Schwerpunkt auf Social Media gelegt, um gezielt Leute im Internet anzusprechen. Wir haben erstaunlich hohe Zugriffszahlen auf unserer Homepage. Ich bin etwas zurückhaltender und nüchterner, das ist aber meine Art. Ich muss nicht von jedem Termin ein Selfie posten.


Was machen Sie, wenn Sie am Sonntag die Stichwahl verlieren?

Baum Dann sitze ich mit meiner ganzen Truppe im Frankenheim und wir lassen die Zeit Revue passieren. Ich habe schon gewonnen. Mein Leben geht weiter, ich werde weiter meine Ehrenämter ausführen.

Christoph Wir werden am Sonntag auch zusammensitzen. Wenn ich verliere, bin ich sicherlich traurig nach den ganzen Monaten des hohen Einsatzes. Ich bleibe dann in meinen bisherigen Job, der mir auch viel Spaß macht. Meine Entscheidung war ja eine sehr bewusste für Kaarst. Wenn die Wähler das mehrheitlich anders sehen, ist das ein normaler demokratischer Vorgang.


Was schätzen Sie an Ihrem Kontrahenten?

Christoph Den hohen Einsatz und das große soziale Engagement, was Uschi an den Tag legt.

Baum Ich schätze an Lars seine Fachlichkeit. Wenn ich eine Frage hatte in früheren Zeiten, bin ich immer zu ihm gegangen. Er ist immer engagiert.


Welche Schwächen haben Sie?

Baum Ich muss mich noch in viele Themen weiter einlesen. Jugendhilfe kann ich beten, aber Planung beispielsweise kann ich nicht beten. Mein Job ist es, noch weiter in die Stadt reinzuschauen.

Christoph Ich werde daran arbeiten müssen, die Wirkung, die mir zugeschrieben wird, als manchmal nicht hinreichend herzlich und offen, die gar nicht so von mir beabsichtigt ist, zu verändern. Wer mich nur von Plakaten kennt, der ist vielleicht noch nicht von meiner Herzlichkeit und Offenheit überzeugt. Wenn ich das Vertrauen erhalte, werde ich versuchen, auch die bisherigen Kritiker von mir zu überzeugen.


Vervollständigen Sie folgenden Satz: Ich werde Bürgermeister, weil…

Baum …ich Kaarst ins 22. Jahrhundert führen möchte digital, weltoffen, wohnhaft und klimaneutral.

Christoph …ich klare Ziele für die Zukunftsgestaltung der Stadt habe, sie mit den Bürgern und den politischen Kräften voranbringen möchte und das politische und fachliche Rüstzeug habe, die Verwaltung gut führen zu können.



2,184 Ansichten
Kontakt

Lars Christoph

Humboldtstraße 12

41564 Kaarst

E-Mail: lars.christoph@cdu-kaarst.de

  • Facebook Social Icon
  • Instagram